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Für eine linke Strömung (FelS) geht in der Interventionistischen Linken auf

1991 nahm die Gruppe FelS aus einer Kritik an der autonomen Bewegung heraus ihren Anfang. Selbstbezogenheit, Theoriefeindlichkeit und strategieloses Kampagnenhopping waren dabei einige der zentralen Kritikpunkte für die Gründung und den damit verbundenen Versuch, als linksradikale Gruppe neue Wege zu gehen. Heute, ganze 24 Jahre später, erklären wir mit diesem Papier die vollständige Aufhebung unserer Strukturen in die neu entstehende Berliner Ortsgruppe der Interventionistischen Linken (IL). Mitnehmen werden wir die Gründungsmotivation von damals: Uns geht es weiterhin um wirksame Interventionen in die Lebens- und Arbeitsverhältnisse der Menschen, eine Vervielfältigung ihrer Kämpfe und ein Ringen um emanzipatorische gesellschaftliche Hegemonien – nicht um szeneorientiertes Sektierertum und die radikale Pose.

Hinter uns liegt also nicht das tragische Ende vieler linksradikaler Gruppen, die irgendwann im Streit auseinander gehen oder ausgedünnt aufgeben mussten. Im Gegenteil. Wir sehen in unserer Fusion mit den anderen Mitgliedsgruppen der IL einen großen Fortschritt hin zu einem der Ziele, mit denen FelS vor fast einem Vierteljahrhundert gestartet war: eine mindestens bundesweit organisierte radikale Linke zu initiieren, die sowohl gesellschaftlich wahrnehmbar wie ansprechbar ist und die zu einer radikalen Transformation der Verhältnisse beiträgt. 1994 schrieben wir: "Es gibt anscheinend in diesem Land nur ganz wenige Menschen, die eine linksradikale Kritik an Partei- und Avantgardekonzepten teilen, und gleichzeitig eine verbindliche Organisierung befürworten". Diese Einschätzung trifft für uns heute so nicht mehr zu. Die Organisierungsfrage wird wieder zunehmend praktisch beantwortet – nicht nur, aber auch und insbesondere von der IL. Seit ihrer Gründung 2005 arbeiten wir als Bündnis eng mit Gruppen und Einzelpersonen aus verschiedenen Spektren zusammen. Dabei eint uns die Überzeugung, nicht kommentierend daneben zu stehen, sondern uns in breiten Bündnissen und im Alltag ins Handgemenge zu begeben und für unsere Positionen zu streiten. Aus dem Bündnis wird nun eine Organisation. Unser vollständiges Aufgehen in die IL-Strukturen ist jetzt der logische Schritt, wenn wir unsere eigenen Ansprüche an eine gemeinsame und verbindliche linksradikale Organisierung ernst nehmen.

Dabei darf Organisation natürlich nicht als Selbstzweck verstanden werden. Ihr Sinn muss sich zunächst an zweierlei messen. Zum einen daran, ob sie die Bedingungen der in ihr Organisierten und ihrer Kämpfe verbessert. Und zum anderen, ob sie zu einer Stärkung sozialer Bewegung, zu einer Stärkung der Bewegung der Linken insgesamt, beiträgt. Nur so kann unsere Organisierung auch ihren eigentlichen Zweck erfüllen und die versteinerten Verhältnisse zum Tanzen zu zwingen.

Innerhalb der IL werden wir weiterhin auf eine Arbeitsweise setzen, in der selbstbefähigende Autonomie und das gegenseitige Vertrauen die zentralen Eckpfeiler sind. Beides gilt es weiter voranzutreiben, unter anderem durch den notwendigen Abbau von Hierarchien, das Schaffen von Orten des kollektiven Lernens und einen Wechsel aus Delegation und Rotation in unseren Strukturen. Wichtig ist uns dabei eine politische Praxis, die sich durch ihre Offenheit auszeichnet und in der immer auch die Einladung zum Mitmachen steckt. All dies mit dem Ziel vor Augen, eine Vielfalt von Lebensverhältnissen und -realitäten als radikale Linke ansprechen und einbinden zu können.

Dazu können wir festhalten: unsere Gruppe ist bereits vielfältiger geworden. So engagieren sich bei uns mittlerweile weitaus mehr Menschen mit Kindern, Vollzeitjobs und jenseits der 30, als dies noch in unseren Anfangsjahren der Fall war. Einen weiteren Schritt sind wir in den letzten Jahren dadurch gegangen, dass wir uns nicht mehr ausschließlich und damit ausschließend rein deutschsprachig austauschen. Damit wollen wir ermöglichen, dass sich sowohl Menschen mit als auch ohne Migrations- bzw. Fluchterfahrung bei uns gemeinsam organisieren können.

Die IL soll für uns eine Organisation sein, die nicht nur jene versammelt, die gegen die bestehenden Herrschaftsverhältnisse ankämpfen, sondern in der es auch eine Verständigung und Bestimmung darüber gibt, wie, wo und wofür wir unsere Kräfte gemeinsam einsetzen. Erste Antworten hat hierzu im letzten Jahr das „Zwischenstandspapier“ der IL gegeben. Bei diesen Fragen von gemeinsamer Strategieentwicklung geht es uns insbesondere um eine politische Kultur, die es ermöglicht, offen, konstruktiv und kritisch zu diskutieren und zu handeln. Kurz: um eine IL, die sich selbst mehr richtige Fragen zu ihrer Politik stellt, als falsche Antworten weiß. Eine IL mit dem Mut zum Experiment statt zur trägen Wiederholung immer gleicher Rituale.

Sowohl von außen als zum Teil auch von innen wird die IL häufig ausschließlich als gut funktionierende Kampagnenmaschine wahrgenommen. Ein solches Bild ist aber verzerrt: Unberücksichtigt bleibt dabei, dass die IL-Ortsgruppen auch und oft sogar hauptsächlich lokale Alltagskämpfe führen. Die Kritik an dem erwähnten strategielosen Kampagnenhopping wird uns trotzdem weiterhin wichtig bleiben. Wir wollen auch in Zukunft an solchen zentralen Fragen unserer strategischen Ausrichtung weiter diskutieren – immer im Spagat zwischen den großen Momenten auf den Plätzen und kleinteiliger Basisarbeit, bspw. in unseren Stadtteilen.

Als Ortsgruppe der IL Berlin stehen wir dabei sowohl vor schwierigen gesellschaftlichen Herausforderungen als auch neuen Chancen für emanzipatorische Kämpfe. In Berlin arbeiten wir schon seit geraumer Zeit auf unterschiedlichen Themengebieten eng zusammen. Zuletzt etwa gegen rassistische Mobilisierungen, Antifeminismus, die geplante Asylrechtsverschärfungen sowie die zunehmende Wohnungsnot und Energiearmut für Geringverdiener*innen. Neben diesen notwendigen Abwehrkämpfen geht es auch um das Formulieren emanzipatorischer Perspektiven. Seien es die Diskussionen zu einer solidarischen Stadt von Morgen, die Selbstorganisierung von Refugees, die Kämpfe für eine soziale und ökologische Energieversorgung, Auseinandersetzungen für sexuelle Selbstbestimmung, die Blockupy-Krisenproteste oder die Arbeitskämpfe im Pflegesektor – an unserer bereits bestehenden gemeinsamen Praxis werden wir anknüpfen und sie weiterentwickeln.

In der IL liegt für uns die Chance, eine überregionale Organisation neuen Typs aufzubauen: die offen ist, ohne unverbindlich zu sein, die ihre Mitglieder befähigt und ermächtigt, statt von formellen oder informellen Hierarchien geprägt zu sein und in der die gemeinsame Lernerfahrung und Strategieentwicklung im Mittelpunkt steht. In der Entstehung einer solchen Organisation sehen wir eine bedeutende Entwicklung, mit der der Fragmentierung der radikalen Linken entgegengewirkt werden kann und in der unterschiedliche Kämpfe zusammenkommen. Das ist aus unserer Sicht unabdingbar für den Versuch, gesellschaftliche Relevanz zu erreichen und Gegenmacht aufzubauen.

Nach der Erklärung unserer auch in Berlin vertretenen Genoss*innen von Avanti - Projekt undogmatische Linke, in der IL aufzugehen und der Auflösung der Antifaschistischen Linken Berlin, in deren Rahmen ein Teil der Gruppe ebenfalls den Weg in die IL nahm, bedurfte es nun einer Entscheidung von FelS. Diese ist jetzt gefallen: Wir lassen ein knappes Vierteljahrhundert FelS Geschichte sein und schauen voller Zuversicht den Auseinandersetzungen für eine bessere Welt mit der Interventionistischen Linken entgegen.

Legen wir los!

Für eine linke Strömung, Mai 2015