Heinz-Schenk-Debatte

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Heinz Schenk bei der Arbeit
Von der Kritik der Autonomen zum postautonomen Organisierungsansatz

Das zwanzigjährige Jubiläum der Gruppe FelS diente uns als Anlass eine im Sommer 1991 geführte Organisationsdebatte wieder zugänglich zu machen. Jetzt stellen wir euch die Neuauflage eines Readers mit den gesammelten Debattenbeiträgen und den daran anschließenden Texten, der im Jahre 1992 von uns veröffentlicht wurde, auch digital zur Verfügung. Die Broschüre dokumentiert eine vor mehr als zwanzig Jahren geführte Debatte innerhalb der westdeutschen radikalen Linken. Der merkwürdige Name Heinz-Schenk-Debatte rührt daher, dass zwei der beteiligten Autor_innen als Pseudonym den Namen eines abgehalfterten Fernsehmoderators und Schlagersängers nutzten.

Aus dem Heinz-Schenk-Reader:

"Der Anfang von FelS lag atmosphärisch dort, wo wir inhaltlich aufhören wollten. Im Versammlungsraum eines besetzten Ostberliner Hauses, wo es selbst dann noch bitterkalt war, wenn der Ofen zwei Stunden vorher angeheizt wurde. Manchmal wurde deshalb das Treffen in einen der Privaträume verlegt, was den improvisiert-chaotischen Eindruck unseres Unternehmens noch verstärken musste.

Die eigentlichen Probleme begannen jetzt erst. Auf der einen Seite stand die Notwendigkeit, als offene Gruppe zu arbeiten, da sich neue Organisationen und Debatten nicht als Zirkel herausbilden.Zudem glaubten wir, dass die bisherigen Versuche, linksradikale Politik zu verändern, auch daran gescheitert waren, dass sich bloß neue abgeschlossene Grüppchen gebildet hatten, die über ihren Tellerrand nicht mehr hinauskamen.

Auf der anderen Seite war klar, dass viele bloß deshalb zu uns stoßen würden, weil wir einem weit verbreiteten Gefühl der Unzufriedenheit Ausdruck verliehen hatten, sich ihre und unsere Unzufriedenheit aber aus verschiedenen, oft entgegengesetzten Motiven speiste. Ich erinnere mich da noch an einen Februarabend, an dem nur 1/4 der Anwesenden die eigentliche Gründungsgruppe ausmachte und wir ständig zwischen den 3/4 Erstbesucher- Innen vermitteln mussten – darunter so entgegengesetzten wie denen, die meinten, dass die Autonomen nicht genug draufhauten und zu viel lesen würden und einer kleinen trotzkistischen Sekte, die wohl in der Hoffnung zu uns gekommen war, hier frustrierten, ratlosen und daher dankbaren Autonomen eine neue Orientierung geben zu können. Für Außenstehende müssen diese Abende immer sehr bizarr bis lächerlich gewirkt haben"
(Gibt es ein Leben vor dem Tod?, Heinz-Schenk-Debatte)

Und weiter aus dem Editorial der ersten Arranca!-Ausgabe:

"Eines der zentralen Ziele der entstehenden, sehr heterogenen Gruppierung war und ist es für eine politische Organisation in der radikalen Linken zu arbeiten. Nur so ließe sich eine Neuzusammensetzung, eine inhaltliche und praktische Umorientierung, die Zurückgewinnung von linker Definitionsmacht gewährleisten. Das Entstehen neuer Organisationen ist zwar keineswegs das einzige Kriterium notwendiger Neuorientierung, - den Heilsgedanken, Organisationsstrukturen könnten die Linke von fixen Problemen befreien, teilen wir nicht -, aber wir sehen die Frage als einen wesentlichen Bestandteil." (Editorial, arranca Nr.0)

Die von Heinz Schenk und anderen formulierte Kritik an autonomen Politikformen stellt einen Bruch in der neueren Geschichte der radikalen Linken dar und ist Teil ihrer notwendigen Neukonstituierung. Viele der in der Debatte genannten Ansprüche sind uns heute immer noch wichtig – und sei es als bisher nicht oder nur ungenügend eingelöste. Einiges hat sich verändert in diesen zwanzig Jahren, anderes nicht. Es geht uns nicht darum, einen Blick auf die verstaubten Ahnen und die bucklige Verwandschaft der Gruppe FelS zu werfen, sondern das uns heute weiterhin relevant Erscheinende einer immer virulenten Organisationsdebatte zu betonen. Eine neue Generation von Aktivist_ innen kennt sie nicht mehr aus eigenem Erleben, aber aus vielen Nachfragen wissen wir, dass die Heinz-Schenk-Debatte nach wie vor eine wichtige Diskussionsgrundlage bietet: Viele der darin benannten Probleme stellen sich offenen und undogmatischen Gruppen heute immer noch ganz ähnlich. Immer noch schlagen wir uns mit unterschiedlichen Lebensumständen und Wissensständen herum, immer noch versuchen wir unsere Politik strategisch zu bestimmen und nicht einfach hilflos in die Wiederholung alter Politikformen zurückzufallen, sondern beständig an einer experimentellen Praxis zu arbeiten.

Eine radikale Linke, die es ernst meint mit ihrem oft hilflos vor sich her getragenem anstatt wirklich praktischem Anspruch die Gesellschaft zu verändern, muss sich fragen, wie sie wieder attraktiv für eine breite Anzahl an Menschen wird und sich aus der eigenen Marginalität befreit. Dabei hilft uns weder verklärtes Schwelgen im roten Fahnenmeer vergangener Zeiten, noch die Massenverachtung auf- und abgeklärter Theoriezirkel, noch das verbissene Trotz alledem der alten Militanten. Eine relevante Gesellschaftliche Linke muss der neoliberalen Vereinzelung etwas entgegensetzen können, solidarische Formen zur Bewältigung des Alltags entwickeln und in konkrete Verhältnisse intervenieren. Zweierlei also: Intervention und Invention. Oder auch „Klebstoff zwischen den Vereinzelten sein – Konsens schaffen – kommunistische Lebensformen aufbauen.“

Nicht die Antworten auf diese Herausforderungen lassen sich in dieser Broschüre finden, aber viele der richtigen Fragen. Viel Spaß beim lesen. Die gedruckte Version kann auch bei uns bestellt werden!